Die gefährliche Rede vom "christlichen Abendland"
 

1. Die in christlich-konservativen Kreisen gerne verbreitete Rede vom "christlichen Abendland" läuft nach meiner Wahrnehmung auf eine exklusive Identifizierung des Christentums mit der "westlichen" Welt hinaus. Das bedeutet, dass bspw. das osteuropäisch-orthodoxe Christentum mit seinem m.E. durchaus problematischen Staat-Kirche-Verhältnis, wie es insbesondere, aber nicht nur im gegenwärtigen Russland zu beobachten ist, ebenso aus dem Blick gerät, wie die verschiedenen, der gesamten Kirche Jesu Christi ihre "Buntheit" und Vielfalt verleihenden, orientalischen Kirchen, die durch den anhaltenden Nahost-Konflikt vom Verschwinden bedroht sind. Eine persönliche Wahrnehmung aus meinem früheren Alltag als Gemeindepfarrer: Mit der Ankunft christlicher Flüchtlinge aus Syrien ab 2015 gab es in meinem Zuständigkeitsbereich nicht etwa das Bemühen, die religiöse Vielfalt der Neuangekommenen kennenlernen zu wollen, sondern eher das Bemühen, diese hin zu "deutsch"-katholischen Gemeindemaßstäben zu konvertieren, im symbolischen wie wörtlichen Sinn. Mit Referenz auf Samuel P. Huntingtons These vom "Clash of civilizations" wird von konservativen Kreisen der "orthodoxen" christlichen Welt ein eigenes Existenzrecht, insbesondere "Groß"-Russland, zugesprochen. Im übrigen war Huntington Kollaborateur des südafrikanischen Apartheid-Regimes (lt. Wikipedia-Eintrag). 
 
 2. In christlich-konservativen Kreisen wird gerne behauptet, die Wiederbelebung des abendländischen Christentums, wie sie von diesen schon kurz nach dem Zweiten Weltkrieg postuliert wurde (seit einigen Jahrzehnten oft auch ergänzt um die Rede vom "christlich-jüdischen" Abendland), sei die einzige Möglichkeit, das "christliche Abendland" zu retten bzw. wiederzubeleben. Die historischen Totalitarismen Faschismus und Kommunismus seien zwar a-theistisch und gesellschaftszerstörend, aber eben auch Ersatz-Religionen. Diese Feststellung gilt für den historischen Faschismus nur bedingt, weil wir im deutschen Sprachraum meist nur an den deutschen Faschismus in Gestalt des Nationalsozialismus denken: NS-"Größen" um Heinrich Himmler herum sympathisierten mit einem "germanischen" Neo-Paganismus, während es auf gesellschaftlicher Ebene gelang, weite Teile des deutschen Protestantismus für sich zu gewinnen und eine wohl kaum kleine Minderheit unter deutschen Katholiken, einschließlich Theologen und Amtsträgern (jedenfalls in der Frühphase). Viel interessanter erscheint mir mit Blick auf das Postulat vom "christlichen Abendland", dass national-kulturell durchaus unterschiedlich realisierte Faschismen sich in "katholisch" geprägten Ländern Europas verbreiten konnten: In Spanien (Franco) und Portugal (Salazar) ebenso wie in Frankreich (vor allem unter deutscher Besatzung von 1940-44; Vichy-Regierung), Kroatien und der Slowakei (ebenfalls während des Zweiten Weltkriegs an der Macht), Österreich (Austrofaschismus ab 1933 bis zum "Anschluss" an das Deutsche Reich 1938). Besonders interessant finde ich die Entwicklung des italienischen Faschismus als historischem "Prototyp", der, nach futuristisch-sozialistisch-antiklerikalem Start, nach seiner Machtübernahme 1922 weite Teile der katholischen Kirche in Italien auf seine Seite zog (nur aus "pragmatischen" Gründen?) und das Staat-Kirche-Verhältnis in Italien bis heute nachhaltig prägte. 
 
 3. In meiner theologischen Dissertation über religiöse Landansprüche auf Israel/Palästina bei den drei abrahamischen Religionen stellte ich in den 90er Jahren fest, dass der Sechstagekrieg von 1967 (mit der militärischen Eroberung weiter Teile des biblischen Kernlandes und der Jerusalemer Altstadt durch die israelische Armee, fast mit der Ausdehnung des davidisch-salomonischen Großreichs) nicht nur religiöse Emotionen weckte, sondern dem dortigen Konflikt eine nachhaltige religiöse Dimension (bis heute) verlieh, so dass einsetzend mit diesem Datum von der "Wiederkehr der Religion(en)" gesprochen werden kann. Es ist m.E. kein Zufall, dass religiöse Fundamentalismen in den monotheistischen Religionen, im Judentum ebenso wie im protestantischen sowie katholischen Christentum (Neo-Integralismus) und im Islam, seitdem verstärkt auftreten und immer wieder in die Nähe politischer und damit militärischer Macht gelangen. Gleichzeitig sind wir Zeitzeugen einer (als Gegenbewegung?) beschleunigten Säkularisierung, wie sie aktuell der Religionssoziologe Detlev Pollack nicht nur für vom Christentum geprägte Länder feststellt.